was bleibt

000801_0089_0019_tsms Was bleibt wenn du deine letzte Reise antrittst? Werden sich Menschen an dich erinnern und wie wirst du in ihrer Erinnerung auftauchen? Als guter Freund, zuverlässiger Partner, hilfreicher Vater? Oder wird man nur negative Dinge mit dir und deinem Namen in Verbindung bringen? Ist es überhaupt möglich das es weiter geht wenn du nicht mehr da bist? Wie soll das funktionieren ohne deine helfende Hand, deinen Humor und deine Loyalität?

Solche Fragen stelle ich mir in der letzten Zeit relativ oft. Besonders wenn meine Frau auf Nachtschicht ist und ich alleine im Bett liege kann ich oft nicht einschlafen, weil mich diese blöden Fragen wach halten. Dann befällt mich eine innere Unruhe, ich wälze mich hin und her und habe Angst. Schlafe ich dann doch endlich ein wache ich Morgens schweißgebadet aus einem Alptraum auf und fühle mich wie gerädert.

Zwei Szenarien beschäftigen mich ganz besonders. Ich will auf keinen Fall nach meiner Frau sterben. Ich will diesen Schmerz nicht ertragen müssen. Es ist für mich der absolute Horror mir vorzustellen irgendwann mal alleine im Park zu sitzen, die Tauben zu füttern und an vergangene Zeiten zu denken.

Der zweite Punkt, den ich total bescheuert finde ist der, das ich egal wie alt ich werde nicht miterleben kann wie meine Kinder und Enkel ihr Leben meistern. Irgendwann wird nun mal Schluss sein, dann stehen sie alleine da und ich kann nicht mehr teilhaben an ihrem Leben. Diese Gedanken sind für mich unerträglich.

Doch einen Trost habe ich! Vor ein paar Wochen führte ich ein Gespräch mit der Nora, das ist die Mutter von Dennis Freundin. Sie sagte das Leben sei einfach zu schön und leider viel zu kurz um es mit solch deprimierenden Fragen zu vergeuden. Es sei müßig und völlig sinnlos darüber zu philosophieren, da der Lauf der Dinge eh nicht geändert werden könnte.

Und dann sagte sie einen ganz entscheidenden Satz:

“Schau dir deine Kinder an! Sie sind dir wie aus dem Gesicht geschnitten und tragen so viel von dir in sich. Ihr Verhalten, ihre Reaktionen, ihre Stärken spiegeln einen großen Teil deiner Persönlichkeit wider! Sie sind deine Unsterblichkeit!”

Seit dem rufe ich mir immer wenn ich wieder mal mit meiner Midlife-Crises kämpfe Noras Worte in Erinnerung – Danke Nora!

PS: Dieses Thema ist sehr komplex für mich. Es beinhaltet viele Aspekte und so wird es in den nächsten Tagen bestimmt noch ein paar Artikel zu dem Thema geben. Dabei kann es durchaus sein das ich mir widerspreche. Zu durcheinander sind meine Gedanken.

16 Antworten zu “was bleibt

  1. Ich bin auf Deine nächsten Artikel wirklich gespannt. Der erste war sehr Interessant.

  2. “Ich will auf keinen Fall nach meiner Frau sterben. Ich will diesen Schmerz nicht ertragen müssen.”

    Meinst du nicht, dass der Gedanke sehr egoistisch ist? Deine Frau wird diesen Schmerz gegebenenfalls doch auch ertragen müssen.

  3. @Pumi: Natürlich ist es egoistisch so zu denken, aber auch ehrlich. Übrigens denkt meine Frau genau so. Das ist ja das blöde daran. Früher haben wir beide gesagt mit 70 einen Autounfall und wir sind beide weg. Doch seitdem wir Kinder haben wollen wir ewig leben :neutral:

  4. Pingback: (wer bin ich) | DELIJO

  5. Moosi

    @Pumi:

    ich hatte den gleichen Gedanken und hab genau deswegen nochmal in den Beitrag geklickt…

  6. Ich wünschte, ich könnte Dir eine vollständige und absolute Antwort auf Deine Frage geben … aber leider hat die niemand. Und Du weißt, daß ich mich damit beschäftigen mußte.

    Was bleibt, ist zum einen ein verdammt einsamer Mensch mit sehr egoistischen Gedanken: Wut, allein zu sein … Müdigkeit … und Alpträume, wenn ich einschlafen konnte. Und gerade in den ersten Tagen das ständige Gefühl, der Andere ist noch da. Ich sprach mit Martina und hatte den Eindruck, sie hörte zu … bloß kam keine Antwort mehr – und DAS ist wirklich schlimm.

    Die letzte Reise beginnt mit einer übergroßen Reisetasche: die Bestatter benutzen nicht mehr regelmäßig diese Metall- oder Plastiksärge, wenn sie den Toten abholen … bei mir kamen sie mit besagter Reisetasche, um Martina abzuholen.

    Was bleibt, ist ein Papierkrieg, der nur einen Sinn hat: die ersten Wochen sind so vollgepackt mit Behördengängen, daß für Trauer und Selbstmitleid weniger Zeit übrig ist.

    Was bleibt, sind Erinnerungen an gute und schlechte Momente, die wir hatten … und das Wissen, daß es eben ‘nur’ Erinnerungen sind.

    Was bleibt, ist das von Dir erwähnte Stück Unsterblichkeit, das wir dem Toten geben, weil wir uns an ihn erinnern … und weil Kinder, Angehörige und Freunde ein Stück weitertragen – und das ist wohl das Wichtigste. Niemand sollte vergessen werden, als ob er nie existiert hätte.

    Was bleibt, ist die Erkenntnis, daß die Welt sich weiterdreht: ich fand heraus, daß ich Freunde hatte denen nun daran gelegen war, mich zu meiden … Tod könnte ja ansteckend sein. Und ich fand heraus, daß ich Freunde hatte, die nun besonders intensiv für mich da waren und denen ich am Herzen lag.

    Was bleibt, ist die Freude, wenn das Leben weitergeht: nichts ist schöner als das. Und es ist einfach herrlich, zu leben … und jemanden kennen zu lernen, der mich so nimmt wie ich bin … und das macht Moni: sie ist da für mich, weint mit mir und wegen mir … lacht wegen und mit mir.

    Das bleibt: der Drang, weiter zu leben und nicht das eigene Leben aufzugeben. Und es bleibt die Erkenntnis, daß es sich nicht lohnt, sich VORHER Gedanken um den Tod zu machen – weder um den eigenen noch um den des Partners. Wenn der Tod kommt, wirft er jede Planung und jeden Gedanken dazu über den Haufen.

    Beschäftige Dich also nicht zu sehr damit, was sein könnte – es kommt nun mal … und es wird anders sein als erwartet.

    Bis dahin
    Joe

  7. Hallo Ludger….

    Zu deinen Gedanken gebe ich dir hier nun mal meine ernsthafte Meinung ab, ohne Sarkasmus und dumme Sprüche, dafür ist dieses Thema zu ernst.

    Auch ich habe in meinem Leben Menschen durch den Tod verloren die mir alles bedeutet haben. Zwar war es nicht mein Mann, aber meinen Vater und meine damals einzige Freundin sind plötzlich und ohne Vorwarnung gestorben….und damit genau sind wir an dem Punkt.

    Ich für meinen Teil habe folgende Erfahrung gemacht. Ein Mensch den du liebst geht und du denkst du müsstest hinterher gehen…aus Schmerz…aber auch weil dir 1000 Dinge einfallen die du versäumt hattest ihm zu sagen…ihm zu zeigen oder mit ihm zu teilen.

    Mir ist klar das es irgendwann so sein wird das entweder Joe oder ich als erstes sterben werden (sehr unwahrscheinlich das es uns Beide auf einmal trifft) und die Überlegung von mir geht nun keinesfalls dahin das ich mir Gedanken mache was ist wenn nun ich die bin die länger lebt!
    Ich habe mir vor genommen das, sollte ich tatsächlich länger leben, es NICHTS gibt das ich Joe nicht gesagt…ihm nicht gezeigt oder mit ihm geteilt habe.
    In den letzten Jahren bin ich nicht umsonst dazu über gegangen auf die Meinung anderer Mitmenschen nicht sehr viel zu geben. Wenn ein Mensch den du liebst stirbt sind die wenigsten dieser Mitmenschen noch da, sondern sie kapseln dich ab, als wenn du die Pest hättest.
    Somit mußt du während der geliebte Mensch noch lebt alles daran setzen ihm all das zu sagen für das es “danach” zu spät ist.
    Ich bin dazu über gegangen immer das zu sagen was ich denke…jedem Menschen….denn du kannst nie sagen ob er nicht in der nächsten Sekunde tot umfällt…und genau das was du ihm dann nicht gesagt hättest wäre das was dich verfolgt.
    Mir ist egal was die Leute sagen …wenn ich z.B. das Bedürfnis habe Joe mitten auf der Strasse einen dicken Kuss zu geben mache ich das…lass sie doch gucken….aber diesen Moment nimmt mir keiner!
    Und so halte ich es auch mit meinen Freunden…alles was ich empfinde oder denke sage ich sofort…denn wenn der Andere nicht mehr da ist, ist es zu spät.

    Ich hoffe das du und Beate noch einige Jahrzehnte miteinander habt, aber wissen kann das keiner….und somit gebe ich dir den guten Rat die Zeit die du mit grübeln verbringst darin zu investieren jeden Moment eures Lebens mit Liebe zu erfüllen…dir Dinge aus zu denken die du ihr sagen kannst….die du mit ihr unternehmen kannst….die du ihr geben kannst um all das was du für sie empfindest in die Zeit zu packen die euch noch bleibt.
    Genauso lebe ich momentan jeden Tag als wenn es der letzte wäre um niemals in die Lage zu kommen sagen zu müssen : “Ich habe zu viel nachgedacht und nicht aus meinen Gefühlen heraus gehandelt und das bereue ich heute!”
    Verschwende keinen einzigen Moment in dem du glücklich sein kannst mit den Gedanken an die schlimme Zeit die vielleicht irgendwann mal kommen wird.
    Dann werden auch deine Kinder lernen ihr Leben in deinem Sinne weiter zu gehen und so wirst du in ihnen weiterleben….von Generation zu Generation….und wer weiß….vielleicht kannst du es ja wirklich von oben beobachten…das Gegenteil konnte noch niemand belegen!

    Ach ja …und bevor ich es vergesse: “du bist ein echt guter Freund, und ich mag dich, nur damit du das weißt!”
    lg
    Moni

  8. @Monika: auch dir danke!

  9. ich hänge schon seit Tagen an deinem Beitrag und möchte etwas schreiben, weiß aber nicht was. Was du und Joe geschrieben haben, hat mich sehr berührt

    Ich hab ne Scheißangst vor dem Sterben, das danach nichts mehr kommt…. Ich lebe doch so gerne,

    liebe Grüße

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  12. Ein mich tief berührendes Thema greifst Du da auf.
    Vor einigen Jahren musste ich mehrfach reanimert werden. Danach war meine Welt eine Andere. Alles war so ver-rückt, meine Weltanschauung änderte sich und ich hatte große Mühe damit klar zu kommen. Ich wusste auf einmal was “Totsein” bedeutet, ich wusste wer um mich trauern würde, lente gute von schlechten Freunden zu unterscheiden. Mein Bekannten- und Freundeskreis ist damals sehr geschrumpft… Die Welt ist eben sehr oberflächlich.

    Generell kann ich Dir aber mit gutem Gewissen sagen das Du vor dem Tod keine Angst haben musst. Bei schwerer Krankheit z.B.) ist er sogar sehr gnädig.

    Ich habe heute wirklich keine Angst mehr davor. Allerdings habe ich auch viele Dinge geregelt, Bankvollmachten u.ä. sind erteilt, denn ich weiss wie schnell der Gevatter kommen kann…

    Deine Nachkommen werden weitermachen (müssen), so vie viele vor ihnen, die ein gleiches Schicksal ereilt hat. Und sie werden es schaffen, weil sie Deine Gene in sich tragen und/oder Dich heiss und innig liebten. In ihrer Erinnerung leben wir Alle weiter.

    “Die Erinnerung ist das einzige Paradies auf Erden, aus dem wir nicht vertrieben werden können” hat meine Oma schon immer gesagt und steht, glaube ich, sogar irgendwo in der Bibel.

    Btw: Ich bin gespannt auf weitere Beiträge zu dem Thema!

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