Das große Schweigen

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In den Kommentaren zu meinem Artikel Familientherapie trägt erste Früchte wurde ich mit Lob überhäuft das ich mich traue über das Thema Familientherapie [ref]Familientherapie[/ref] zu schreiben. Warum sollte ich nicht darüber schreiben? Schließlich ist diese Therapie eine große Hilfe für meine Frau und mich, unseren Kindern bei ihrer Entwicklung zu helfen. Wir maßen uns nicht an als Eltern perfekt zu sein und auf jede neue Situation eine Lösung parat zu haben. Also haben wir uns irgendwann dazu entschlossen eine Kinderpsychologin aufzusuchen.

Am Anfang hatten wir schon ein komisches Gefühl, unsere Kids sind schließlich nicht balla balla. Im Gegenteil, sie sind aufrechte junge Menschen mit ihren individuellen Stärken und Schwächen. Wir Eltern sind es, die nicht ganz rund gelaufen sind. Zu oft und zu stark haben wir uns bei der Erziehung von unserer Umwelt, von der Schule, von Freunden, Nachbarn und der Familie bei unserer Erziehung ins Handwerk fuschen lassen. Zu sehr waren wir darauf bedacht was die Leute sagen werden wenn wir dies oder das erlauben, dafür jedoch das andere verbieten. Wir haben in den ersten Jahren zu viele Entscheidungen unsere Kinder betreffend getroffen hinter denen wir nicht zu hundert Prozent standen, nur um konform mit der Gesellschaft zu gehen.

Dies haben unsere Kinder gespürt und sie rebellierten weil sie wohl irgendwie ahnen konnten das uns bei einer Diskussion mit ihnen über kurz oder lang die Argumente ausgehen.

Heute wissen wir das wir nur uns selbst Rechenschaft schuldig sind. Wir tragen die Verantwortung für unsere Kinder, also entscheiden wir was richtig oder falsch ist, was ihnen gut tut oder was sie in ihrer Entwicklung hemmt.

Wir haben es vor allem auch geschafft uns von Zwängen und Verhaltensweisen aus der Zeit unserer eigenen Kindheit zu befreien. Früher handelten und reagierten wir in vielen Situationen so wie wir es von unseren eigenen Eltern übernommen hatten. Dabei war uns dies gar nicht bewusst. Wir waren gefangen in den Verhaltensmustern, die uns unsere Eltern mit ihrer Erziehung auferlegt hatten.

Ich glaube das so wenige Eltern offen darüber sprechen wenn sie zu einer Familientherapie gehen liegt daran das der Begriff Psychologe in unserer Gesellschaft negativ besetzt ist. Dann kommt noch hinzu das viele denken sie hätten als Eltern versagt wenn sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Außerdem könnten ja die Leute schlecht über einen reden. Das ist völliger Blödsinn!

Wer irgendwann erkennt, das er nicht alles über Erziehung weiß, das er nicht vollkommen ist nur weil er Mutter oder Vater ist und dann einen Profi um Rat bittet beweist wahre Größe!

Ich kann mich nur wiederholen. Es ist nicht schlimm um Hilfe bei der Erziehung der Kinder zu fragen. Im Gegenteil, es zeigt das man sich seiner Verantwortung bewusst ist und nicht so blauäugig ist zu denken man hätte auf jede Frage eine Antwort.

Und wenn dann die Leute hinter vorgehaltener Hand über einen reden, einen schief angucken und Sonntags nach der Kirche tuscheln und die Kids mit mitleidigen Blicken bedenken ist mir das scheiß egal!

Wir haben es geschafft das unsere Kinder Vertrauen zu uns haben. Sie reden mit uns über alles, über Liebe, Sex, Freunde, Schule, Alkohol, Politik, Gesellschaft, Computerspiele, Autos, die Musikcharts – einfach über alles.

Auch wir vertrauen unseren Kindern – können wir auch!

Wir wissen wenn der Dennis Samstag Abend in der Kneipe ist und sein Bierchen trinkt, er aber weiß wo seine Grenze ist und nicht lallend und schwankend, dafür aber pünktlich nach Hause kommt.

Wir wissen das Lisa einen viel älteren Freund hat und mit ihm knutscht es aber nie zu mehr kommen lässt weil sie sich Zeit lassen will mit der schönsten Nebensache der Welt.

Wir wissen wann und wo der Jonas Mist gebaut hat weil er uns anvertraut was passiert ist. Denn dann können wir reagieren und weiteren Ärger von ihm abwenden.

Sogar viele der Freunde unserer Kinder [ref]coole Familie – eine Sache der Perspektive[/ref] kommen mit ihren Problemen zu uns, weihen uns ein und sind gerne hier. Nicht zuletzt weil wir den Kids auf Augenhöhe begegnen und ihre Wünsche und Träume nicht als jugendliche Flausen abtun. Wir nehmen sie ernst und bestärken sie in ihrem Streben nach Selbstverwirklichung, seien ihre Ziele auch noch so verrückt.

Ohne die Kinderpsychologin und ihr Team hätten wir diesen Zustand nie erreicht!

8 Antworten zu “Das große Schweigen

  1. ja, eingeschränkt, da man leider in der Arbeitswelt erhebliche Nachteile fürchten muss.

  2. Ergänzung, der ausführliche Text war gerade nicht da :eek: :!:
    Familientherapie ist weitaus weniger schlimm als selber von der eigenen psychischen Erkrankung zu schreiben.

  3. Auch ich habe eine Familientherpie hinter mir. Ich hatte Bulimie und ritzte mich und meine Sister hatte Magersucht. Ein Krankenhauspsychologe hat uns dann zu einer Familientherapie geraten.
    Heute kann ich nur Danke für diesen Tipp sagen. Wir haben viel “Unausgesprochenes” aufgearbeiten. Mit Rückschläge aber auch mit Fortschritten.
    In unserer Familie wurde großer Wert auf Leistung gelegt. War man gut in der Schule, wurde man geliebt. War man schlecht, wurde man alleine gelassen.
    Jetzt sage ich, dass meine Eltern trotzdem aus guten Gewissen damals gehandelt haben. Das war halt so in den späten 70iger Jahren. Und Heute haben wir ein super Verhältnis untereinander…..

  4. Wir waren auch schon bei einer Psychologin die uns allen mit unseren Problemen geholfen hat. In meinem Blog thematisiert habe ich es nicht weil es irgendwie – wie ich fand – nicht passte …
    Vielleicht kommt aber irgendwann auch nochmal die Zeit wo ich alles auf den Punkt bringen kann … das ist bei mir immer so eine Sache :D
    Ich finde es auch sehr mutig das du so “einfach” davon berichten kannst und freue mich mit dir das es bei euch so toll geklappt hat :)

  5. Danke Mädels für eure Statements. Hat das einen Grund warum hier nur Damen etwas zu schreiben haben? :eek:

  6. Tja, vermutlich haben Männer noch eine viel größere Scheu dafür, sich zu einer Therapie zu äußern oder überhaupt Hilfe anzunehmen :8

    • Ich fürchte du hast recht. Traurig ist das wenn Väter nicht den Mut haben bei der Kindererziehung mit zu machen. Es gibt glaube ich immer noch viel zu viele Menschen die die alten Rollenverteilungen zwischen Frau und Mann in ihren Partnerschaften praktizieren. Die Frau gehört in die Küche und kümmert sich um die Kids, während der Herr im Haus das Geld ran schafft und ansonsten in der Kneipe um die Ecke mit seinen Kumpels Karten oder Dart spielt.

      Ich bin stolz auch eine feminine Seite zu haben :8

  7. Psychiater, Psychologe, Therapie… da wird sofort hinter der Hand gemurmelt “der hat einen an der Klatsche”.
    Aber die Zahl der Mensche, die solche Hilfe aufsuchen, wächst von Jahr zu Jahr. Am Beispiel von meinem Freundes- und Arbeitskollegen-Kreis wächst das Thema “Burnout” immer weiter… Und da ist es schon faszinierend (eher erschreckend in dem Zusammenhang) wenn man mitbekommt, wie viele Leute diese Hilfe nutzen bzw. benötigen.

    Ganz großes *Daumen hoch* für das, was ihr macht – und wie offen du darüber schreibst!

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