Ich hasse es ja wenn Menschen in Schubladen einsortiert werden. Zeugt diese Denkweise doch immer von Vorurteilen, Erwartungen und Befangenheit. Es ist extrem schwer, wenn nicht gar unmöglich, den Menschen völlig unvoreingenommen zu begegnen. Sie nicht auf Grund ihrer Erscheinung, Mimik, Gestik, ihrer Bildung oder ihres Berufs in Kategorien zu stecken, aus denen sie nur sehr schwer wieder heraus kommen. Wer gesteht sich schon selber gerne eigene Fehler ein und seine Beurteilung zu korrigieren.
Vor einiger Zeit hatte ich das Vergnügen einen jungen Mann kennen zu lernen. Er ist der Freund der Schwester der Freundin meines Sohnes und hört auf den Namen Thornton (keine Ahnung ob ich den Namen richtig geschrieben habe). Er ist glaube ich 19 Jahre alt. Der erste Eindruck ließ mich impulsiv nach meinem Portemonnaie greifen um zu kontrollieren ob es noch da ist. Seine Erscheinung weckt nicht gerade das Vertrauen des durchschnittlichen 41-jährigen ehrlich arbeitenden Familienvaters.
Als ehemaliger Punker trägt er seine Haare sehr unkonventionell, bei seinen Klamotten drängt sich mir die Frage auf wie die bei so viel Löchern und Rissen überhaupt an seinem Körper haften bleiben und seine Körperhaltung und Gestik lässt ein allgemeines Desinteresse an der Gesellschaft und ihrer Normen vermuten.
Na ja, langer Rede – kurzer Sinn! Ich habe mich noch nie so in einem Menschen geirrt. Thornton ist ein unglaublich positiver Mensch, mit dem ich mich wunderbar über alles mögliche unterhalten kann. Selbst bei Themen wie Politik oder Religion, Themen bei denen die Jugend eher gelangweilt ist, merkt man das er sich sehr viel Gedanken macht. Er hinterfragt, analysiert und beurteilt, bildet sich dann seine persönliche Meinung und vertritt diese sehr sachlich mit Argumenten.
Obwohl seine Kindheit alles andere als einfach war, er lebte mehrere Jahre auf der Straße, als kleiner Junge verließ seine Mutter die Familie, begegnet er allem Neuen positiv mit einer gesunden Portion Neugier. Momentan ist er dabei den Realschulabschluss nachzuholen. Sein Traum ist es als Streetworker anderen Jugendlichen die auf der Straße leben zu helfen. Das er dafür studieren muss schreckt ihn nicht ab. Im Gegenteil, es motiviert ihn.
Bis jetzt haben wir uns erst drei Mal gesehen doch ich habe ihn schon in mein Herz geschlossen. Irgendwie hilft er mir dabei unserer Jugend mit Verständnis, Akzeptanz und Ernsthaftigkeit zu begegnen. Er ist einfach ne tolle Type!




es wird ja immer gesagt, der erste Eindruck ist entscheidend. Ich habe schon oft gemerkt, dass das einfach nicht hinhaut.
Wenn ich mir das so durchlesen, ist mein Eindruck von ihm jetzt “typischer Sozialarbeiter”. Was ich nicht negativ meine! Aber es ist richtig ab und an täuscht man sich im ersten Eindruck gewaltig. Wenn es sich hinterher als positiv rausstellt ist es ja ok es kann aber leider auch in die andere Richtung gehen.
Für mich schaut der gar nicht unsymphatisch aus, auch nicht auf den 1. Blick.
Hab aber auch schon oft bemerkt, daß es oft hilfreich ist, nicht den allerersten Eindruck zählen zu lassen, sondern 2x hinzugucken.
So wie Du ihn beschreibst, passt es auch zu dem Bild von ihm: ein ehemaliger Punker (oder Noch-Punker) hätt ich auch erstmal getippt. Und daß solche Leute dann oft auch im sozialen Breich tätig werden, ist bekannt. Oder sie werden Taxifaher.
Die meisten, ich auch, bilden sich flott eine Meinung über Menschen, denen sie begegnen. Das passiert wohl unbewusst, hat aber zur Folge, dass wir sie tatsächlich in Schubladen einsortieren. Erst wenn wir ihnen mehrfach begegnet sind, habe sie (vielleicht) eine Chance, die Schublade zu verlassen. Man spricht ja auch gern davon, dass man immer auf seinen ersten Eindruck “hören” sollte. So falsch scheint das also nicht zu sein, auch wenn diese Eigenart wenig sympathisch ist. Außerdem ist es mir schon häufig passiert, dass ich nachträglich ein “Urteil” geändert habe – gerade im Beruf. Das gilt allerdings (leider) positiv wie negativ.
Ist das nicht eines unserer größten Probleme dieser Gesellschaft! Vorurteile?
Und ich finde es klasse, dass du dazu stehst und aufzeigst, dass man auch damit falsch liegen kann!
Danke!
Gruß
Matthias